Mutter. Neue Bilder in zeitgenössischer Kunst (Graz, 2010)

Ein sehr interessantes Ausstellungsprojekt aus dem Jahr 2010  gestoßen, das ein ähnliches Ziel wie dieser Blog verfolgt.

Die Ausstellung widmet sich laut den Kuratoren Johannes Rauchenberger / Roman Grabner der Frage:

„wie Künstlerinnen und Künstler, denen von jeher ein feines Sensorium für gesellschaftliche Stimmungen zugeschrieben wurde, die Rolle der Mutter heute sehen. Es geht um Anlehnungen an vorgegebene Muster und Neuerfindungen.“ (Rauchenberger / Grabner, 2010)

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Mutter. Neue Bilder in zeigenössischer Kunst. Graz, 2010.

Die Bilder der Ausstellung mit Kurztexten finden sich in diesem .pdf (Programmzeitung des Kulturzentrums).

Das inspirierende Dossier der Ausstellung wird vom Kulturzentrum in Graz ebenso bereitgestellt.

 Die „prägende Figur des Abendlandes“ für Mutterkunst? Die Madonna.

Was oder wer hat die Kunst zum Thema Mutterschaft am meisten angeregt? Der Einführungstext der Grazer Ausstellung erklärt:

„Glück, Intimität, Abgrenzung, Feminismus, Transkulturalität und Prekariat sind ebenso ein Thema wie die grundsätzliche Frage, ob man in der Lage ist, ein Kind nicht nur zu gebären, sondern auch großziehen zu können. Mythische und archaische Bilder von Mutterschaft und nicht zuletzt die kulturelle Erinnerung an jene Figur des Abendlandes, die die Kunst am meisten angeregt hat – die Madonna mit dem Kind – bilden die kulturelle Matrix, auf der diese Ausstellung zusammengestellt wurde.“

(Rauchenberge /Grabner, 2010)

Die Madonna mit dem Kind.

Eine „kulturelle Erinnerung“, die nicht nur in der Kunst verarbeitet wird, sondern an vielen anderen Stellen im Diskurs auftaucht.

Die Pin-up Mama (Pirelli 2016)

Pirelli Kalender 2016: Gestern vorgestellt und heute große Resonanz.  „Sensation„, „Neuerfindung„, „Das gabs noch nie“ – Warum?

Die Fotos von  Annie Leibovitz  zeigen keine „Supermodels“, sondern „starke Frauen“. Die Erwartung an einen Bildkalender, der laut Wikipedia „Inbegriff von erotischer Fotografie“ ist, werden durchbrochen.

„The whole idea was not having any pretenses, to be straight forward and to show these women exactly like who they are.“

Annie Leibovitz

Die Aufmerksamkeit für den Pirelli Kalender ist ein tolles Beispiel für Diskurstheoriker – warum?

Vor allem die Medien geben in einem Schönheitsdiskurs vor, was schön ist und was nicht. Absurd deutliche Manifestationen des Diskurses finden wir in Sendungen wir Germanys Next Topmodel, aber auch subtiler in der dominanten positiven Bewertung / Darstellung einer bestimmten Art von „Schönheit“ in Werbung, Film oder bei Moderatorinnen.

Leibovitz stärkt mit ihrem Pirelli Kalender einen Frauendiskurs, der den Schönheitsbegriff anders gedeutet haben möchte. Nicht pysische Makellosigkeit, sondern Weisheit, Charakter, Mut, Engagement, Authentizität etc.pp. sind „schön“. Dieses „anders-sein“, diese Darstellung konträr zum dominanten (aber bröckelnden) Frauendiskurs führt zu Nachrichtenwert und breitem Medieninteresse.

Das eigentlich spannende für mich ist aber die fotografierte Mutter im Kalender. Mit Kind wird Natalia Vodianova abgebildet – ein russisches Supermodel mit Engelsgesicht, die ausgezogen sicherlich in jedem herkömmlichen Pin-up Kalender einen Platz bekommen würde.

 

                                                     Natalia Vodianova im Pirelli Kalender 2016 (das ganze Bild hier.)

Während sicherlich weitere Frauen im Pirelli Kalender 2016 Mütter sind, wird bei Vodianova das Attribut „Kind“ visuell besonders hervorgehoben.

Warum?

Warum wird nun ausgerechnet eine junge „Schönheit“ (nach klassischem Ideal) mit Kind, also als Mutter, dargestellt?

Ist das Kind der Bruch der idealtypischen Pirelli-Schönheit ?

Vodianova  ist Supermodel, engagiert sich etc – doch wäre sie ohne vier Kinder, ohne ihre makellose Schönheit trotz Mutterschaft, in die Galerie der „starken Frauen“ aufgenommen worden?

Wenn wir davon ausgehen, dass der Mutterdiskurs geprägt ist von dominanten Deutungen wie:

Mutterschaft bedeutet Anstrengung
bedeutet Verzicht
bedeutet Karriereende
bedeutet Verlust von physischer Attraktivität,

dann bedient dieses Bild einen Gegendiskurs, ist Provokation.

Auf den Punkt:
Das in einem Pirelli Kalender, der Frauen „sensationell, neu und anders“ darstellt, eine Frau mit Kind abgebildet wird, die jung, schön und erfolgreich ist, zeigt: solch ein Mutterbild ist nicht mainstream, ist nicht normal, gehört zu einem Gegendiskurs.

Das dominante „Mutterbild“ im Diskurs ist offebar anders. Zumindest nicht jung, schön und erfolgreich.

„Die deutsche Mutter“ bei Element of Crime

„Auf einem Spielplatz ruft ein Kind nach seiner Mutter,
Damit die sieht, wie hoch das Kind schon schaukeln kann,
(…)
Die deutsche Mutter stürmt nach vorn in heller Panik
Und übersieht dabei ein Kindesbein im Sand
Und schlägt lang hin, da lacht der Kindesbeinbesitzer,
Der hat ein Erdbeereis in seiner rechten Hand.
Das hängt bedenklich schräg nach vorn in seiner Waffel
Und tropft sich selbst verschwendend auf die Haute Couture
Am Leib des ganzen Stolzes seiner schönen Eltern
Und wird zu Dreck dort, genau wie ich bei Dir. (…)“

 

Rousseau über die Mutter

„Verschwendete Worte! Selbst der Überdruss an den Lustbarkeiten der Welt führt nicht mehr
zurück. Die Frauen haben aufgehört Mütter zu sein, und sie werden es nicht wieder: sie wollen es
nicht mehr sein. Selbst wenn sie es wollten, sie könnten es kaum. Da sich heute der gegenteilige Brauch eingebürgert hat, müßte jede Frau ihre gesamte Umgebung bekämpfen.(…) Dennoch gibt es manchmal noch junge Frauen, die der Mode und dem Geschrei trotzen und unerschrocken ihre natürlichen Pflichten erfüllen. Möge ihre Zahl sich vermehren durch das Glück, dass denen bestimmt ist, die sich diesen Pflichten unterziehen.“

(J.-J. Rousseau, Emile oder Über die Erziehung, 1762)

Der Mutterarchetyp nach C.G. Jung

„das „Mütterliche“: schlechthin die magische Autorität des Weiblichen; die Weisheit und die
geistige Höhe jenseits des Verstandes; das Gütige, Hegende, Tragende, Wachstum­,
Fruchtbarkeit und Nahrungsspendende; die Stätte der magischen Verwandlung, der
Widergeburt; der hilfreiche Instinkt oder Impuls; das Geheime, Verborgene, das Finstere,
der Abgrund, die Totenwelt, das Verschlingende, Verführende, und Vergiftende, das
Angsterregende und Unentrinnbare.“

(C.G.Jung, 1938)